Besuch in Nanchang 2012/2014

Nach gut 26stündiger Reise erreichten die Gruppe des JSG und die übrigen Schülerinnen und Schüler der anderen Gymnasien des Landkreises Peine, deren vier Lehrer und ich um 17 Uhr Ortszeit die Partnerschule in Nanchang. Von nun an waren wir die „Student Delegation from the District of Peine“ – echte Berühmtheiten!
Auf der Straße blieben die Menschen stehen um uns hinterher zu sehen, in der Schule liefen die chinesischen Schülerinnen und Schüler an die Fenster, um einen Blick auf uns zu erheischen. Mit der Zeit wurden die chinesischen Schülerinnen und Schüler mutiger: Sie fragten, ob sie sich mit uns fotografieren lassen dürfen, ob sie uns umarmen oder unsere Nase berühren dürfen (die Europäer werden von den Chinesen auch „Langnasen“ genannt, wobei einige Schülerinnen offensichtlich die Echtheit dieser bezweifelten). Es war erstaunlich, wie schnell man sich an diese Berühmtheit gewöhnte. Waren wir am Anfang noch irritiert, beobachtete ich eine deutsche Schülerin am Rande des Basketballspiels gegen die chinesischen Gastgeber, wie sie ihre „Fans“ in eine ordentliche Reihe stellte, damit sie sich der Reihe nach mit ihr fotografieren lassen konnten – hier zeigte sich die vielgerühmte deutsche Ordnung in Reinform. Auch das Lokalfernsehen begleitete uns zu verschiedenen Terminen und im Aufstellungnehmen für Gruppenfotos sind wir mittlerweile Profis.
Diese plötzliche Aufmerksamkeit lässt sich dadurch erklären, dass Nanchang – obwohl eine Millionenstadt – keine Touristenstadt ist und viele der Einwohner einfach noch nie einen Europäer live gesehen haben.
Doch auch uns boten sich ungewöhnliche Anblicke! Etwas mulmig wurde einem schon bei dem Anblick der uniformierten Wachen am Eingang der Schule, der vergitterten Fenster vor den Klassenräumen und der winzigen Stühle und Tische, an denen die bis zu 70 Schülerinnen und Schüler eng gedrängt saßen und arbeiteten. Der Unterricht bestand aus mediengestützten Vorträgen der Lehrerinnen und Lehrer, die lediglich durch ein kollektives Murmeln diverser Antworten der Schülerinnen und Schüler unterbrochen wurden. Man meldete sich nicht, auch mündliche Noten gibt es nicht. Im Kunstunterricht wird nicht gezeichnet, im Musikunterricht nicht musiziert, im Englischunterricht nicht Englisch gesprochen. All dies tut man in den privaten Einrichtungen, die man nach der Schule noch besucht. Bis 17h dauert der Unterricht. Danach müssen die Schülerinnen und Schüler noch drei bis vier Stunden lang Hausaufgaben machen. Sie gehen von Montag bis Samstag in die Schule und am Sonntag erlernen sie ein Instrument, eine Sportart oder gehen zum privaten Englischunterricht.
Ganz außergewöhnlich war auch die Gastfreundschaft der Chinesinnen und Chinesen. Sie nahmen uns in ihre Familien auf, luden uns ein in die besten Restaurants, unternahmen Ausflüge mit uns und brachten uns ihre Kultur und Lebensart auf eine Weise nahe, die man als Tourist niemals erleben wird. Denn wer hat schon die Gelegenheit, ein traditionelles chinesisches Abendessen mit der Familie zuzubereiten, selbst bei einer Teezeremonie mitzuwirken , an einer chinesischen Hochzeit teilzunehmen oder eine chinesische Klasse zu unterrichten?
Der China-Austausch wird uns auch aufgrund der liebevollen und abwechslungsreichen Planung unserer Gastgeberinnen und Gastgeber in Erinnerung bleiben. Neben  Besuchen in diversen Schulen – einer Tanzschule, einer Berufsschule, einer internationalen Schule, einer Kunstschule – wurden uns auch die Sehenswürdigkeiten von Nanchang und Umgebung präsentiert – der Tengweng Pavillon, wunderschöne taoistische Tempel, die Promenade im neuen Distrikt von Nanchang, der Park des Volkes, die heißen Quellen sowie diverse Museen.
Nicht zu vergessen sind natürlich die kulinarischen Besonderheiten! Gleich am ersten Abend (Empfang beim Bürgermeister) gab es Aufregung ob der auf Englisch verfassten Speisekarte. Dort stand nämlich zu lesen „cat vegetables“. Nachdem nun einige Schülerinnen kund taten, dass sie gar nichts mehr essen würden, bevor sich nicht wüssten, welche der vielen gereichten Speisen nun die Katze sei, führte unsere Nachfrage zu großer Erheiterung unserer Gastgeber. Es handelte sich schlicht und einfach um einen Druckfehler (eigentlich „cut vegetables“), den man sicherlich an keinem anderen Ort der Welt hinterfragt hätte.
Wie schon erwähnt, wurden wir in die schönsten und beeindruckendsten Restaurants geführt. Ein Schüler sagte wirklich treffend: „Wir werden hier wie Könige behandelt, wir bekommen wirklich nur das Beste vom Besten!“. Wir saßen immer an großen, runden Tischen, in deren Mitte sich eine drehbare Glasplatte befand auf die nach und nach die Speisen gestellt wurden. Es gab Schildkröte, Koi, verschiedenste Schweinefleisch-, Hühner-, Entengerichte, Jaotsi (eine Art Germknödel mit Fleischfüllung), Baotsi (wie Tortellini mit leckerer Spinatfüllung), diverse Süßkartoffel- und Kürbisgerichte, Suppen, tausendjährige Eier, Tofugerichte und und und... Immer wenn man dachte, jetzt hätte man wirklich alles probiert und könne wirklich keinen weiteren Bissen mehr essen, wurde die nächste Köstlichkeit serviert.
Summa summarum lässt sich sagen, dass der China-Austausch für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine unvergessliche Erfahrung war, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Daher kann dieser Artikel nur einen kleinen Einblick in das geben was wir in diesen zwei Wochen erleben durften.

Bettina Dieler