Ein Roman über den Mauerfall und das Jahr danach

Der Leipziger Autor Ralph Grüneberger spricht im JSG über seinen Roman "Herbstjahr"


Geschichtsstunden bieten Fakten, aber auch Augenzeugenberichte. Ein Roman über eine so historisch bedeutsame Zeit wie die zwischen dem Oktober 1989 und dem Tag der Wiedervereinigung1990 will beides miteinander verbinden: Fakten und Erlebtes. Mit Mitteln der Fiktion soll diese Zeit vergegenwärtigt werden.

Auf Einladung der Deutschlehrkräfte der 11.Klassen und mit Unterstützung des Fördervereins des Gymnasiums sprach Ralph Grüneberger über seinen im September 2019 erschienenen Roman, der am Beispiel junger Menschen die Stimmung während und nach den Leipziger Montagsdemonstrationen im Oktober 1989 veranschaulicht, die Ängste und Sorgen, aber auch die Enttäuschungen, die sich ein Jahr später einstellten, denn es war nicht nur eine Zeit großer erfüllter Hoffnungen, sondern auch eine der biographischen Brüche mit Nachwirkungen bis in unsere Gegenwart.

In den drei 11. Klassen war zuvor über die Geschichte der DDR, den Mauerfall und den Zusammenbruch der Wirtschaftsstruktur  in  den „neuen Bundesländern“  nach der Einführung der D-Mark gesprochen worden.

Nun bot sich die Gelegenheit, mit einem Autor, der schon damals in Leipzig lebte, zu sprechen.

Was haben Sie damals selbst erlebt? Wie haben Sie das Erfahrene verarbeitet? Warum sind es gerade junge Menschen, die zu Ihren Protagonisten werden? Mit welcher Ihrer Romanfiguren können Sie sich am meisten identifizieren? Wie lange haben Sie am Roman gearbeitet? Hatten Sie Schreibblockkaden? Was hat die Wende Ihnen als Autor gebracht oder genommen?

Der Autor hatte bereits Anfang der neunziger Jahre Augenzeugenberichte gesammelt und  im Auftrage der Bundeszentrale für politische Bildung als Buch herausgegeben.

Aber keine der Romanfiguren ist dann so geworden wie eine Person in der Wirklichkeit. Was seine Figuren erlebt haben, aber kennt er: Die Bewerbung um einen Platz an der Schauspielschule, die Arbeit als Zerspannungsmechaniker in der Industrie.

Bereits 1968 als Siebzehnjähriger hatte er erfahren müssen, was drohte, wenn jemand es wagte, in der DDR ein Verbot zu übertreten. Menschenansammlungen im Umfeld der Leipziger Universitätskirche waren verboten. Der Aufforderung, den Platz zu verlassen, kam er nicht nach. Als er von Männern in Zivil tätlich angegriffen wurde, wehrte er sich, wurde überwältigt und abgeführt. Was folgte, war ein Verhör und die Befürchtung zu 15 Monaten Jugendhaft wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ verurteilt zu werden. Er konnte sich nur retten, indem er standhaft behauptete, nicht gewusst zu haben, dass im Auftrage des Staates der Angriff auf ihn geschehen war. Was aber darauf folgte, war die Verweigerung eines Studienplatzes und noch zehn Jahre danach die Ablehnung einer Stelle als Galerist.

Grünebergers Roman lässt seine Leserschaft daran teilnehmen, wie überrascht und unsicher sich viele Leipziger fühlten, als 1989 auf ihren Straßen Hunderte, dann Tausende und schließlich am 9.Oktober fast einhunderttausend Menschen es wagten, trotz Polizeigewalt für Reise- und Meinungsfreiheit und gegen die Einparteien-Diktatur der SED zu protestieren. Als Beispiel hierfür dient der 21-jährige Jesse, der erst nur am Straßenrand steht und dann selbst zu einem derjenigen wird, die sich im Neuen Forum engagieren.

Grüneberger betonte, dass es bei den ersten Demonstrationen um Reformen in der DDR und noch nicht um die Forderung nach einer Wiedervereinigung ging. Der erste Teil seines Romans beschreibt als „Erzählte Zeit“ die Woche vom 2. bis zum 9. Oktober 1989. Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR, hatte es massive Polizeigewalt gegen Demonstranten gegeben.  Am Montag des 9. Oktober kam es nach Friedensgebeten in vier Leipziger Kirchen zu einer Großdemonstration. Der Stadtfunk Leipzig verbreitete über Lautsprecher eine von Kurt Masur, dem berühmten Leipziger Gewandhauskapellmeister, verlesene Erklärung, die neben Prominenten auch drei SED-Sekretäre unterschrieben hatten: Ein Aufruf zu Besonnenheit, zu einem freien Meinungsaustausch und zu einer friedlichen Veränderung der DDR.

Der Demonstrationszug der fast 100 000 wurde trotz massiver Präsenz der Polizei von Kampfgruppen und der Armee nicht mehr aufgehalten. Keine Demonstranten, die Steine werfen und damit Gewalt provoziert hätten, seien eingeschleust worden. Der friedliche Wandel führte einen Monat später zur Öffnung der Mauer. 

Anschaulich schilderte der Autor an seiner eigenen Biographie und der anderer Betroffener, wie immens der Wandel war. Für viele, die ihren Beruf verloren, begann die Phase einer der oft schrecklichen Verunsicherung, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind.   

Und was hieß es für ihn als Schriftsteller? Grünebergers Antworten boten auch Erstaunliches. Die Literatur hatte in der DDR eine herausragende Bedeutung besessen. In ihr wurde oft gewagt, gesellschaftliche Probleme anzusprechen, und das Interesse an solchen Büchern, die andeuteten, was im Argen lag, war daher groß. Von einem seiner Lyrikbände hatte er zu Zeiten der DDR achttausend Exemplare verkauft. Die Wende bot auch hier einen Umbruch, denn die DDR war zur Vergangenheit geworden, was jetzt lockte, waren Reiseführer und Ratgeber für Steuererklärungen.

„Seit der Wende kann ich wohnen, wo ich will, wenn ich es mir leisten kann.“ Auch das war für ihn ein bedeutender Vorteil der Wende. Dass Eheleute Kinder haben mussten, um in der DDR eine Wohnung zugeteilt zu bekommen, das ist eine Erfahrung, die zum Glück Geschichte geworden ist.

Anne Meier, Klaus Nührig

 

Die Peiner Nachrichten und die Peiner Allgemeine Zeitung berichten über die Veranstaltung unter:

www.peiner-nachrichten.de/peine/vechelde/article228256173/Mauerfall-Buchautor-berichtet-in-Vechelde-ueber-Erinnerungen.html

www.paz-online.de/Kreis-Peine/Lengede-Vechelde-Wendeburg/Autor-Ralph-Grueneberger-spricht-mit-Vechelder-Schuelern-ueber-die-DDR


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